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Erzähler der Nacht. - Rafik Schami

Das erste Mal näher mit Rafik Schami in Berührung kam ich vor etwa 10 Jahren auf einer Buchmesse. Damals stellte er seinen Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ vor, aus dem er ein Stück vorlas und anschließend noch ein Interview gab. Seine Erzählkunst begeisterte mich gleich. Mit seiner Geschichte trug er die Zuschauer weit weg in eine fremde, orientalische Welt mit einem zarten märchenhaften Zauber.

Seitdem habe ich einige Bücher von Rafik Schami gelesen und war jedes Mal entzückt Daher habe ich mich sehr gefreut, dass mir Rafik Schami erster Roman für die Leserlieblingsbuchchallenge vorgeschlagen wurde. Ich hatte „Erzähler der Nacht“ binnen weniger Tage gelesen. Dennoch war ich etwas enttäuscht, denn mir fehlte es an inhaltlicher Substanz.

 

Worum geht es?

Früher war Salim ein erfolgreicher Kutscher in Damaskus. Sein Erfolgsgeheimnis war sein Talent als Geschichtenerzähler. Nun aber ist er verstummt und nur sieben besondere Gaben können ihm seine Stimme zurückgeben. Sofort beraten sich seine sieben besten Freunde, um welche Gaben es sich handeln könnte: sie probieren besonders gutes Essen, teure Wein und kostbare Duftwasser aus, aber nichts hilft. Doch dann kommen die Freunde auf die Idee, Salim reihum jeden Abend eine Geschichte zu erzählen.

 

Wie war mein erster Eindruck?

Die Romane von Rafik Schami gibt es leider nicht als eBooks. Daher habe ich mich – wegen des günstigen Preises – für die dtv-Ausgabe von „Erzähler der Nacht“ entschieden. Die aufwändige Seitengestaltung überraschte mich positiv.
Jede Seite ist oben mit einem Ornamentband verziert, das in jedem Kapitel wechselt. Auch die Seitenzahlen sind in Arabesken eingefasst. Die letzten Zeilen jedes Kapitels sind zentriert gesetzt und schließen mit einem weiteren Muster ab.

 

Der Einstieg in die Geschichte gefiel mir ebenfalls sehr gut.
Ganz der für mich typisch arabischen Erzählkunst folgend lässt Rafik Schami seinen Erzähler gleich zu Beginn in direkten Kontakt zum Leser treten, in dem er diesen anspricht. Als Leserin hatte ich dadurch ein bisschen das Gefühl, „Erzähler der Nacht“ sei exklusiv für mich geschrieben worden oder als säße ich in einem kleinen arabischen Kaffeehaus, um einem Hakawati (=Kaffeehauserzähler) zuzuhören.
Durch diese gefühlte Nähe zum Erzähler des Buchs und dessen besonderer Gestaltung fand ich schnell in die Geschichte und erlag praktisch von der ersten Seite an dem besonderen orientalischen Märchenzauber.

 

Wie fand die Sprache?

Obwohl Rafik Schami seine Romane auf Deutsch schreibt, merkt man seinem Erstling „Erzähler der Nacht“ die syrischen Wurzeln des Autors an. Die blumige, bildhafte Sprache und die zahlreichen Vergleiche des Arabischen, die mir so gut gefallen, behält Rafik Schami auch im Deutschen bei. Auf den Leser wirkt dies zunächst ungewohnt, denn obwohl er deutsche Worte verwendet, unterscheidet sich seine Sprache doch deutlich von den gewohnten poetischen Ausdrucksweisen anderer deutschsprachiger Autoren. Rafik Schamis Wortwahl besitzt einen ganz besonderen orientalischen Charme, der den Leser fast vom ersten Moment an verzaubert und entführt. Sie harmoniert ideal mit dem Inhalt von „Erzähler der Nacht“ und macht das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.

 

Wie fand ich die Charaktere?

Wie bei Märchen üblich findet man auch in „Erzähler der Nacht“ keine komplexen, fein gezeichneten Charaktere. Salim und seine Freunde werden nur mittels weniger Merkmale, meist sind es die Berufe, grob beschrieben. Ich fand sie dadurch ziemlich austauschbar. Auch hatte ich meine Probleme mit den arabischen Namen, die ich mir einfach nicht merken konnte. So fiel es mir des Öfteren schwer, die Charaktere auseinander zu halten. Die gute Nachricht ist aber, dass dies auch gar nicht nötig ist, da es im Grunde um die Geschichten geht, welche die Freunde erzählen.

 

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „Erzähler der Nacht“ legt Rafik Schami ein modernes orientalisches Märchen vor, das der arabischen Erzählkunst aus „Tausend und eine Nacht“ folgt. Es ist eine Sammlung verschiedener (Lebens-)Geschichten, Märchen, Anekdoten und Erfahrungsberichte, die so unterschiedlich wie ihre Erzähler sind.

Ursprünglich handelte es sich um Erzählungen, die Rafik Schami auf seinen Lesungen stets nur mündlichen vortrug. Irgendwann schrieb er sie auf und entwickelte eine Rahmenhandlung, die alle verbindet. Leider merkt man „Erzähler der Nacht“ nicht nur Rafik Schamis Sehnsucht nach seiner alten Heimat sondern auch die Entstehungsgeschichte auch an, wie ich finde. Zwar lässt sich das Buch flüssig lesen, und ich hatte dabei auch viel Spaß und gute Unterhaltung; mir fehlte jedoch der berühmte „rote Faden“. Mir wurde leider bis zum Schluss nicht klar, was Rafik Schami dem Leser mit seinen Erzählungen vermitteln möchte. Für sich genommen hat zwar jede Geschichte ihren eigenen Reiz; ein überspannendes Thema und eine klare Botschaft konnte ich jedoch nicht entdecken. So blieb ich am Schluss leider trotz allem orientalischen Märchenzauber etwas ratlos zurück.