Die Spur des Bienenfressers - Nii Ayikwei Parkes, Uta Goridis

Die Lesung im Weltempfänger-Salon machte mich neugierig auf dieses Buch. Daher „subbte“ es dann auch nicht lange. Leider hielt das Buch dann aber doch ganz, was ich erwartet hatte. Dass es kein klassischer Kriminalroman ist, war mir klar. Aber vor allem vom Aufbau des Buchs wurde während der Lesung ein vollkommen falscher Eindruck vermittelt. Auch das Ende fand ich etwas schwach.
Pluspunkte sammelt das Buch aber für die gute Darstellung der Verhältnisse im heutigen Ghana: der Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung, die Korruption und Willkür der Staatsmacht sind gut gezeichnet. 

Worum geht es?

In Sonokrom, irgendwo im ghanaischen Hinterland, werden nach dem Verschwinden eines Dorfbewohners menschliche Überreste gefunden. Eigentlich würde das Dorf die Angelegenheit gerne selbst regeln, aber ausgerechnet die Geliebte des Ministers machte den Fund. Deshalb wimmelt es in Sonokrom bald von Polizisten. Da diese aber nicht so richtig weiterkommt, wird Kayo – in Großbritannien ausgebildeter Forensiker – hinzugezogen. Er soll mit den westlichen Methoden der Wissenschaft nach der Wahrheit suchen und einen Bericht zum Tathergang mit handfesten Beweisen liefern. Aber die Dorfbewohner selbst haben einen ganz eigenen, sehr viel mystischeren Erklärungsansatz.

Warum habe ich es gelesen?

Die Lesung von Nii Ayikwei Parkes im Weltempfänger-Salon, über die ich >>hier<< bereits berichtete, machte mich neugierig auf dieses Buch. Mich interessierte vor allem die gleichberechtigte Gegenüberstellung von westlicher Wissenschaft und Logik (verkörpert durch Forensiker Kayo) und afrikanischer Mythologie (verkörpert durch die Dorfbewohner). Dass es kein Kriminalroman im klassischen Sinne sein würde, ahnte ich bereits. Dennoch erwartete ich eine intelligente und spannende Auseinandersetzung mit den beiden unterschiedlichen Denkweisen und den feinsinnigen, schelmischen Humor, den ich bereits während der Lesung von Nii Parkes aufblitzen sah.

Wie war mein erster Eindruck?

„Die Spur des Bienenfressers“ ist aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschrieben. Im ersten Kapitel erzählt einer der Dorfbewohner, wie die Polizei nach Sonokrom kam. Seine Teile sind in der Ich-Perspektive geschrieben. Hier wird sehr schnell deutlich, dass in Sonokrom die Uhren anders schlagen. Man lebt von und mit der Natur. Besonders schön fand ich, das Erstaunen des Dorfbewohners über die wissenschaftlichen Geräte, mit denen die Polizei den Tatort untersucht. In den Augen der Dorfbewohner wird dies zu teuflischem Zauberwerk. Herrlich!

Im zweiten Kapitel lernt der Leser dann Kayo kennen. Er lebt Accra und führt ein vollkommen anderes Leben. Auch die Erzählperspektive wechselt nun zu einem auktorialen Erzähler. Hierdurch wird der Kontrast zwischen beiden Protagonisten auf subtile Art und Weise verstärkt.

Wie fand ich die Sprache?

Die Kapitel aus der Sicht des Dorfbewohners fand ich schwierig zu lesen. Er schweift leicht ab und erzählt langwierig und umständlich mit vielen Einschüben. Die anderen Kapitel, in denen es um Kayo geht, fand ich leichter zu lesen. Sie sind wesentlich strukturierter erzählt. Besonders gut gefiel mir der leicht sarkastische, fein ironische Unterton, der an einigen Stellen durch eine Überzeichnung der beschriebenen Situationen und Personen entsteht. Nii Parkes beweist hier den feinsinnigen, schelmischen Humor, den ich auch schon auf der Lesung bemerkte. Mir machte das sehr viel Spaß.

Schön fand ich auch, dass es auch bei „Die Spur des Bienenfressers“ einen Anhang mit Worterklärungen gibt, in dem hauptsächlich ghanaische Speisen und Gerichte erläutert werden.

Wie fand ich die Charaktere?

Nii Parkes entwirft fein gezeichnete, fein ausdifferenzierte Charaktere. Er gibt ihnen jeweils eine individuelle Vergangenheit, die weit über die eigentliche Handlung hinaus geht, und entwickelt hieraus ganz eigene Handlungsmotive. Hierdurch kann man sich gut in die Figuren hineinversetzen.

Auch dass einige ganz bewusst etwas überzeichnet sind, hatte für mich seinen Reiz, denn es ist wohldosiert und so gekannt angebracht, dass es nicht albern wirkt. Vielmehr ist hierin eine sehr feinsinnige Form von Gesellschaftskritik zuerkennen.

Wie fand ich den Schluss?

Über den Schluss war ich etwas enttäuscht. Leider führt Nii Parkes nicht beide Lösungsansätze konsequent zu Ende. So führt am Schluss nur eine der beiden Denkweisen zu einer Lösung des Falls. Mir hätte es besser gefallen, wenn auch am Ende zwei verschiedene Erklärungen nebeneinander gestanden hätten.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Auch wenn auf dem Cover „Kriminalroman“ steht, passt „Die Spur des Bienenfressers“ nicht so ganz in dieses Genre. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage „Wer ist der Mörder?“. Kayo widmet sich vielmehr der Frage, ob überhaupt etwas gestorben ist (und wenn ja, was). Viel Zeit verwendet Nii Parkes auch darauf, wie Kayo eigentlich dazu kommt, für die Polizei zu arbeiten.
Dass der Kriminalfall hier jedoch nur den Rahmen der Erzählung bilden würde, hatte ich erwartet. Vielmehr zeigt Nii Parkes in „Die Spur des Bienenfressers“, dass nicht nur unsere westliche wissenschaftliche Denkweise geeignet ist, um die Welt zu erklären. Gleichzeitig zeigt er die großen Unterschiede zwischen der ghanaischen Stadt- und Landbevölkerung auf. Gepaart mit seinem feinsinnigen, schelmenhaften Humor ist das Ergebnis eine höchst unterhaltsame und lesenswerte Lektüre.

Ich hätte mir jedoch mehr Kapitel aus der Sicht der Dorfbevölkerung gewünscht. Ich hatte erwartet, dass im ständigen Wechsel aus beiden Perspektiven erzählt wird. Leider kommt die Dorfbevölkerung jedoch nur ganz zu Beginn und dann erst wieder am Ende zu Wort. Der wesentlich umfangreicher Mittelteil jedoch handelt ausschließlich von Kayo, was ich etwas schade fand. Auch das Ende hätte ich mir ambivalenter gewünscht.