Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr um dort seine große Liebe wiederzufinden: Eine wahre Geschichte - Per J. Andersson

Wer auf Grund des Titels eine witzige Geschichte voller absurdem Klamauk á la Jonas Jonasson erwartet, wird von “Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden” vielleicht etwas enttäuscht sein. Bei diesem Buch handelt es sich nämlich um wahre Geschichte, die jedoch nicht weniger fantastisch erscheint. Der schwedische Journalist Per J. Andersson erzählt die erstaunliche Lebensgeschichte von Pikay. Es ist ein Buch voller Herzenswärme, das zeigt, was man alles erreichen kann, wenn man an sich und seine Bestimmung glaubt.

 

Worum geht es?

Pikay stammt aus ärmsten Verhältnissen. Dennoch schafft er es, sich in Neu-Delhi einen Namen als Portraitzeichner zu machen. Sein größter Erfolg ist eine Einladung der indischen Premierministerin Indira Gandhi, die sich ebenfalls von ihm malen lassen möchte. Dann aber trifft er 1975 die Schwedin Lotta, die mit einigen Freunden eine Rundreise durch Indien unternimmt. Pikay verliebt sich in sie und ist sich sicher, dass sie die Frau ist, die ihm bei seiner Geburt weißgesagt wurde. Als Lotta zurück nach Schweden fährt, beschließt Pikay daher kurzerhand, ihr zu folgen. Auf einem klapprigen Damenfahrrad macht er sich auf den mehr als 7.000 km langen Weg.

 

Warum habe ich es gelesen?

Auf das Buch wurde ich durch einen Tweet des Kiwi-Verlags aufmerksam, der seine Neuerscheinungen postete. Der Titel sprach mich sofort an. Natürlich musste ich an die Bücher von Jonas Jonasson denken. Aber auch das tolle Cover und die Aussicht auf einen weiteren Indienroman machten mich neugierig. Ich erwartete eine leichte und lustig-unterhaltsame Lektüre.

 

Wie war mein erster Eindruck?

Zunächst einmal war es etwas erstaunt, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Da ich den Klappentext im Vorfeld nicht gelesen hatte, war dieses Detail entgangen. Auf das Buch freute ich mich aber trotzdem, immerhin lese ich gerne Biografien.

 

Ich bin froh, beim Taschenbuch (und nicht wie ursprünglich beabsichtigt) beim eBook gelandet zu sein, denn die Gestaltung ist sehr ansprechend. Der Titel ist geprägt. Zudem enthält die Innenseite des Covers eine gezeichnet Karte, auf der man Pikass Route mit den wesentlichen Stationen nachschlagen kann. Im Anhang des Buchs befinden sich zudem einige Schwarz-Weiß-Fotos. Auf dem eReader wäre das wieder nicht ganz schön darstellbar gewesen. Vom Inder Karte

 

Wie fand ich die Sprache?

“Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden” ist in einem Sachbuch typischen eher nüchternen Berichtsstil verfasst. Nach den vielen Romanen, die in der letzten zeit las, fiel es mir etwas schwer, mich in diese wenig kunstvolle, eher reizlose Sprache einzufinden. Nachdem mir dies aber nach wenigen Kapiteln gelungen war, ließ sich das Buch flüssig und angenehm lesen. Durch den sprachlich eher geringen Anspruchsgrad lässt es sich bei diesem Buch sehr gut anschalten und entspannen.

 

Wie fand ich das Buch insgesamt?

“Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden” ist eine interessante, anregende Mischung aus Bollywood-Märchen, Reisestory und Hippie-Romanze. Das Buch lässt sich in zwei Hauptteile untergliedern: im ersten Teil wird Pikays Leben als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener erzählt, im zweiten begleitet man ihn auf seiner Reise. Beide Teile – so unterschiedlich sie thematisch auch sind – gefielen mir sehr gut.

Im ersten Teil des Buchs erfährt man viel über Indien in den 60er und 70er Jahren. Sehr eindrücklich schildert Per J. Andersson das hinduistische Kastensystem und vor allem die Situation der untersten Kaste, der “Unberührbaren”, der Pikay und seine Familie angehören. Mich rührte es sehr an, wie beispielsweise erzählt wird, dass Pikay zwar zur Schule gehen konnte, den Unterricht aber außerhalb des Klassenraums verfolgen musste. Auch die politischen Umbrüche jener Jahre in Indien sind interessant und werden leicht verständlich an Hand persönlicher Erlebnisse von Pikay wiedergegeben. So lernt man fast unmerklich eine ganze Menge über dieses so faszinierende Land.
Aber Pikays persönlicher Lebensweg ist beachtlich. Ich habe sehr gestaunt über all das Glück, das Pikay widerfuhr, aber auch über die große Schicksalsergebenheit, mit der er all die massiven Ungerechtigkeiten und herben Rückschläge seines Lebens ertrug. Es ist sein tiefes und unerschütterliches Vertrauen in die Erfüllung einer Prophezeiung, die ihm bei seiner Geburt gemacht wurde, die Pikay Kraft gibt und ihn weiter an sich glauben lässt.
Dies lässt ihn schließlich auch im zweiten Teil des Buchs ungeachtet seiner bescheidenen finanziellen Mittel nach Schweden aufbrechen. Pikay glaubt, seine Bestimmung zu kennen, und so hegt er auch keine Zweifel an seinem Vorhaben und dessen Gelingen. Und tatächlich widerfährt ihm auf dieser Reise so viel Gutes, das man über all die großzügige Unterstützung nur staunen kann.

 

Lottas Teil der Geschichte wird eher kurz in verschiedenen Einschüben erklärt. Für mich war das okay, da sie ein nach westlichen Maßstäben relativ normales Leben führt. Auch ihr Interesse an Indien ist für ihre Zeit, als auch die Beatles und andere Promis indische Gurus besuchten, nichts ungewöhnliches. Etwas schade, fand ich es dann aber doch, dass Lottas Reise nach Indien nicht genauer beschrieben wird. Zusammen mit ein paar Freunden fährt sie mit einem VW Bulli über Land bis nach Indien, und könnte hierüber vermutlich auch eine Menge erzählen.
Aber auch so hat das Buch bereits mehr als 300 Seiten, so dass Lottas Reise wohl den Umfang gesprengt hätte.

 

Per J. Andersson erzählt in “Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden” so liebevoll und anrührend, dass es eine Freude ist, es zu lesen. Dabei schafft er es, diese Liebesgeschichte vollkommen frei von Kitsch und doch mit einem gewissen leichten Zauber zu erzählen, den ich als sehr angenehm empfand. “Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden” ist ein moderne Märchen, das zeigt, was man alles erreichen kann, wenn man fest an sich selbst glaubt, und eine schöne Liebeserklärung an die Liebe.